Du triffst irgendeinen Bekannten und er fragt dich: „Wie geht’s dir?“ Um ihn oder sie von der Last einer verlängerten Antwort zu befreien, sagst du einfach: „Gut.“ Als Antwort lächelt er oder sie, nickt zustimmend oder gibt ein halbherziges Lachen von sich; und man schweift ab zu einer ganz anderen Thematik. Man denkt noch nicht einmal darüber nach.

Die Frage wirkt für den Fragesteller, wie für den Antwortgeber trivial, doch hält dies uns nicht davon ab die Floskel wie eine Krücke immer wieder auf’s Neue zu verwenden: Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr. Höflichkeit wird gekoppelt mit Monotonie. Es ist eine müde gewordene Phrase, vorhersehbar und ganz offen gesagt auch langweilig. „Wie geht’s?“ hat unsere sprachliche Interaktion schon viel zu lange geknechtet und sollte endlich weggepackt werden. Ursprünglich als Weg benutzt, um die Gefühle des Gegenübers in Erfahrung zu bringen, ist es mittlerweile nicht mehr als ein Ersatzteil für das Fehlen unserer Kreativität, wenn es darum geht eine Unterhaltung zu beginnen.

Für den Fragesteller ist es ein automatisches Ausspucken einer Frage, um die eigene Höflichkeit oder Manier zu beweisen – oder man weiß einfach nicht was man sonst sagen soll. Wortdurchfall. Schon vor der eigentlichen Interaktion mit dem Gegenüber ist der Schaden bereits getan. Er oder sie sagt „Danke, mir geht’s gut.“ oder eine andere voraussehbare Antwort und schon bist du wieder ganz am Anfang: starrst auf deine Füße, rückst deinen Pullover zurecht und versuchst die Courage aufzubringen für eine neue Konversation. Schönes Wetter heute, was?

Als Befragter schießen dir eine Anhäufung möglicher Antworten durch den Kopf: „Weißt du, ich hab morgen drei krasse Tests und bin kurz davor in Panik zu geraten.“ Aber wir bleiben bei „gut“, weil es kurz und knapp ist und uns die Mühe erspart, das richtige Vokabular für einen halbwegs ordentlichen Satz hervorzukramen. Wir haben Angst davor unsere wahren Gefühle zu zeigen, weil es uns jämmerlich, schwach zeigen könnte oder als zu persönlich. Und selbst wenn es uns in Wirklichkeit nicht „gut“ geht, meinen wir es wäre zwangloser einfach eine kleine Notlüge einzubauen, weil die ja schließlich niemandem schaden – außer dir selbst natürlich. Aber einfach „gut“ zu murmeln wird nicht reichen. Man muss auch noch ein überzeugendes Grinsen auflegen, bis sich der andere zufrieden gibt, nickt und zurücklächelt. Ziel erreicht.

Na und? Dann ist es halt nicht ganz so ernst gemeint. Es ist eine Norm unseres Kulturkreises, ein Teil von gutem Benehmen – und mittlerweile ist es nur noch das.

Dieser kurze Austausch hat unsere Gesellschaft bis zu dem Punkt getrieben, an dem wir nicht mehr auskönnen, ja, abhängig geworden sind. Es ist nicht mehr dazu zu gebrauchen, um herauszufinden wie es jemandem geht, sondern mehr ein Reflex in den wir flüchten können ohne das Gehirn arg zu beanspruchen. Es unterstützt unsere wahnsinnige Faulheit.
Zudem hat „gut“ als Antwort jede Bedeutung verloren. Bedeutet gut, dass du dich gut fühlst oder ist es für dich einfach nur eine sichere und simple Alternative zu einer authentischen, jedoch längeren Antwort? Die Unschärfe in der Antwort eliminiert jedes kleinste Körnchen an Potenzial zu einer persönlichen Verbindung mit dem Gegenüber; wenn sie nicht verstehen, wie du dich fühlst, wie können sie diese persönliche Verknüpfung zwischen dir und ihnen selbst dann herstellen? Wie kannst du es dann auch erwarten, dass eine Verbindung aufgebaut wird? Und ganz nebenbei gesagt: Du bist viel interssanter als das.

Wir als klügste und sprachgewandteste Spezies des Planeten haben die Macht und auch die Verantwortung, Sprache auszuschalten die keinem Zweck mehr dient. Mit ein wenig Mut und bewusster Anstrengung (und vielleicht einem kleinen Tropfen Kreativität) könnten wir beginnen den bereits entsandenen Schaden zu beseitigen und anfangen uns wieder mit anderen auf einer persönlichen, menschlichen Basis zu verbinden.
Machen wir uns an die Arbeit!

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